Wir treffen manche Entscheidungen nicht, weil wir wirklich wissen, was richtig ist, sondern weil wir glauben, dass eine Entscheidung das innere „Ja, aber“ beenden wird. Dieses „Ja, aber“ ist oft ein innerer Widerstand, der sich in Form von Zweifel, Schuld, Angst oder der Hoffnung auf einen besseren Moment zeigt. Wir denken: Sobald ich mich entschieden habe, wird Ruhe kommen. Dann wird das innere Hin und Her endlich aufhören.
Aber genau das ist der Trugschluss.
Warum Entscheidungen oft nicht aus Klarheit kommen
Viele Entscheidungen entstehen nicht aus einer ruhigen, klaren Erkenntnis, sondern aus Erschöpfung. Wir sind müde von der Unsicherheit, von den Gedanken, die immer wieder dieselben Fragen aufwerfen. Der Gedanke, etwas zu entscheiden, wird dann weniger zu einem echten Schritt und mehr zu einem Versuch, den inneren Druck zu beenden.
Das „Ja, aber“ ist dabei kein bloßes Problem der Gedanken. Es ist ein Signal. Ein Signal, dass in unserem System etwas mit im Spiel ist.
Hypnosystemische Sicht: Das innere „Ja, aber“ ist ein Systemgespräch
Aus hypnosystemischer Sicht ist eine Entscheidung selten nur eine rationale Handlung. Sie ist immer auch eine Antwort auf ein inneres Feld aus Erinnerung, Beziehung, Rollen, Angst und unbewussten Aufträgen.
Wenn jemand sagt: „Ich werde jetzt entscheiden, damit das innere Ja aber endlich aufhört“, dann ist oft nicht nur die Entscheidung gemeint. Es geht um einen inneren Zustand, der sich über Jahre eingespielt hat:
- „Wenn ich etwas auswähle, muss ich mich rechtfertigen.“
- „Wenn ich nein sage, werde ich verlassen.“
- „Wenn ich ja sage, bin ich verantwortlich für alles.“
- „Ich darf mich nicht zu früh entscheiden, sonst werde ich falsch liegen.“
Diese Gedanken sind nicht nur Überzeugungen. Sie sind oft alte Muster, die im System wie eine Art Schutzfunktion wirken. Sie wollen verhindern, dass etwas passiert, das früher nicht gut ausgegangen ist. Und genau deshalb entsteht das „Ja, aber“ nach jeder Entscheidung.
Der Trick der vermeintlichen Lösung
Wir glauben manchmal, dass eine Entscheidung den inneren Widerstand löst. Doch oft ist es eher so: Die Entscheidung bringt den Widerstand an die Oberfläche. Sie macht sichtbar, was bereits im Hintergrund mitläuft.
Das ist der entscheidende Punkt:
- Nicht die Entscheidung selbst erzeugt den Widerstand.
- Die Entscheidung zeigt, dass der Widerstand schon da ist.
- Und der Widerstand sagt oft: „Bitte nicht so. Bitte nicht jetzt. Bitte nicht ohne Sicherheit.“
Das ist nicht immer ein Problem. Es kann auch ein Hinweis sein. Ein Hinweis darauf, dass wir nicht nur entscheiden, sondern auch einen Zusammenhang mit unserem inneren System erkennen müssen.
Entscheiden heißt nicht, alles zu lösen
Aus hypnosystemischer Sicht ist ein guter Entscheidungsschritt nicht der, der den inneren Widerstand verschwinden lässt. Ein guter Schritt ist der, der die Beziehung zu diesem Widerstand klarer macht.
Vielleicht ist die Frage nicht:
- Wie treffe ich die perfekte Entscheidung?
Sondern:
- Was will mir dieses „Ja, aber“ sagen?
- Was ist die Geschichte hinter dieser Unsicherheit?
- Welche Rolle spiele ich, wenn ich nicht entscheiden kann?
Wenn Entscheidung ein Schutz vor Schmerz wird
Oft treffen Menschen eine Entscheidung nicht, weil sie keine Richtung haben, sondern weil sie sich vor dem Schmerz schützen wollen, der mit der Entscheidung verbunden sein könnte. Sie wollen nicht verletzen, nicht verlieren, nicht falsch liegen, nicht zu viel Verantwortung tragen. Und deshalb wird jede Entscheidung zu einem Test, ob sie es aushalten können, mit den Folgen zu leben.
Das ist ein sehr menschlicher Mechanismus. Aber er kann uns in eine starre Schleife führen:
1. Wir warten auf Sicherheit.
2. Sicherheit kommt nicht.
3. Wir denken, wir brauchen noch eine bessere Entscheidung.
4. Wir vermeiden den Schritt.
5. Der innere Widerstand wird stärker.
So entsteht das Gefühl, dass die Entscheidung erst dann richtig ist, wenn das „Ja, aber“ endlich aufhört.
Ein anderer Zugang zu Entscheidung
Vielleicht ist eine Entscheidung weniger ein Moment der endgültigen Gewissheit und mehr ein Akt der Orientierung. Nicht alles muss sofort geklärt sein. Nicht jede Entscheidung muss die ganze Wahrheit enthalten. Es reicht, wenn sie im Hier und Jetzt tragfähig ist.
In hypnosystemischer Sprache heißt das: Entscheidung ist nicht nur ein kognitiver Akt. Sie ist ein Kontakt mit dem eigenen System. Sie ist eine Form von Beziehung, in der wir sehen, was sich im Hintergrund meldet und wie wir darauf antworten.
Das ist oft schwerer als bloß „sich entscheiden“. Aber es ist deutlich ehrlicher.
Die eigentliche Frage
Die eigentliche Frage ist nicht:
- Wie komme ich endlich zur Entscheidung?
Sondern:
- Was muss in mir loslassen, damit ich nicht ständig auf ein inneres „Ja, aber“ warten muss?
Wenn wir diese Frage ernst nehmen, wird klar: Entscheidungen sind nicht nur ein Weg nach vorne. Sie sind oft ein Weg zurück zu uns selbst.
Reflexionsfragen für heute
- Wo denke ich, dass eine Entscheidung endlich Ruhe schaffen wird?
- Welches innere „Ja, aber“ begleitet mich, wenn ich etwas entscheiden soll?
- Was würde ich tun, wenn ich nicht erst auf absolute Sicherheit warten müsste?
- Welcher Teil in mir möchte lieber noch einmal warten, statt sich zu entscheiden?
Vielleicht ist das Geheimnis hinter vielen Entscheidungen nicht, dass wir nicht wissen, was wir wollen. Vielleicht ist es, dass wir den Moment der Entscheidung noch nicht als einen echten Kontakt mit uns selbst zulassen.
Und genau darin liegt oft der eigentliche Anfang.
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